Sächsische Zeitung, Donnerstag, 19. August 2004
Das Gehirn ist ein Orchester ohne Dirigent "Zukunft heute" zeigt
Visionen von Forschung und Kunst
Von Frank Stadler
Wie entscheiden wir? In welchem Ausmaß sind unsere Handlungen von
unserem Willen bestimmt? Und wie nehmen wir überhaupt wahr? "Wir
gehen nach Kriterien vor, die evolutionsbiologisch sinnvoll waren.
Sie begrenzen unsere Wahrnehmungsfähigkeit und lenken sie in eine
ganz bestimmte Richtung" , sagt der Frankfurter Hirnforscher Wolf
Singer. Der Professor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung ist
einer der Wissenschaftler, die am 29. August im Rahmen der neuen
Veranstaltungsreihe "Zukunft heute" in der Dresdner Semperoper zu
Visionen von Wissenschaft und Kunst sprechen werden.
"Das Gehirn muss zum Beispiel festlegen, was ein Objekt ist, wenn es
eine komplexe Szene anschaut", sagt Singer. "Auf der Netzhaut gibt es
ja nur eine zweidimensionale Helligkeitsverteilung, mehr ist da
nicht." Wie Hirne die Welt wahrnehmen und rekonstruieren, aus den
wenigen Signalen, die sie bekommen, scheint teilweise recht
willkürlich. "Elektromagnetische Wellen zwischen 400 und 700
Nanometern Länge werden beispielsweise als Licht wahrgenommen, sind
sie länger als Wärme. Es schaltet sich ein völlig anderes
Rezeptorsystem ein", erklärt Singer. Dennoch geht es physikalisch um
eine Fortsetzung der gleichen Erscheinung. Niederfrequente
Schwingungen, Vibrationen, nehmen wir mit dem Tastsinn wahr. Werden
sie höher, schaltet sich das Gehör zu und wir vernehmen Töne.
"Unser Gehirn ist ein Orchester, das ohne zentralen Dirigenten
auskommt", sagt Singer. "Es organisiert sich selbst. Farben, Formen,
Bewegungen alles wird zeitgleich abgearbeitet." Wie das Gehirn die
verschiedenen, parallel ablaufenden Prozesse koordiniert, ohne die
Verarbeitungsergebnisse an einem zentralen Punkt zusammenzuführen,
und dennoch Entscheidungen fällen kann - darin will Professor Singer
bei "Zukunft heute" mit seinem Vortrag "Grenzen der Wahrnehmung"
einen kurzen Einblick geben.
Dieses "Bindungsproblem" ist auch Gegenstand der aktuellen
Forschungen des Max-Planck-Instituts in Frankfurt am Main. Gemessene
Hirnaktivitäten können die Forscher dabei bis auf einzelne
Nervenzellen begrenzen.
Dass Konsequenzen von neurobiologischer Forschung für unser
Selbstverständnis gerade auf einer Opernbühne diskutiert werden,
begründet Professor Singer mit der Nachbarschaft zur Kunst.
"Wissenschaft ist ja ein kulturelles Unterfangen. Ebenso wie sich der
Künstler bemüht, die Wirklichkeit zu durchdringen und zu
interpretieren, macht das der Wissenschaftler. Der kreative Akt ist
der gleiche, nur dass Wissenschaftler ihre Hypothesen dann mit
Experimenten bestätigen müssen", sagt der Hirnforscher.
Wissenschaftler seien natürlich auch Kulturschaffende.
Zur Auftaktveranstaltung der Reihe "Zukunft heute" - einem
Gemeinschaftsprojekt der Sächsischen Staatsoper mit dem Dresdner
Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik, dem
Deutschen Hygienemuseum, der Technischen Universität Dresden und der
Sächsischen Zeitung - werden außerdem der Intendant der Semperoper,
Prof. Gerd Uecker, der Dresdner Zellbiologe Prof. Kai Simons, der
Münchener Physiker Prof. Hermann Gaub und Opernregisseur Sebastian
Baumgarten ihre Sicht auf Künftiges schildern.
Musikalisch wird der Pianist Michael Lüdicke Stücke von Arnold
Schönberg und Alexander Mossolof gegenüberstellen.
Sächsische Zeitung, Donnerstag, 12. August 2004
Faszinierende Visionen im Rampenlicht
Neue Veranstaltungsreihe holt Wissenschaft in die Oper
Mit "Zukunft heute" startet Ende August eine ungewöhnliche Veranstaltungsreihe in der Dresdner Semperoper.
Maschinen, die mit bloßem Auge längst nicht mehr sichtbar sind? Deren ineinander
greifende Teile nur noch Molekülgröße haben? Was gestern noch unvorstellbar schien,
wird heute in den Laboren der Wissenschaftler gedacht und rückt in greifbare Nähe. Und
wirft zugleich die Frage auf: Wie wird sie aussehen, diese Zukunft, an der die Forscher in
ihren Instituten arbeiten?
Mehr als nur einen Einblick in ihre Visionen und Projekte soll eine neue
Veranstaltungsreihe geben, die Ende August Premiere hat. An einem nicht alltäglichen
Ort: Auf der Bühne der Dresdner Semperoper wollen Forscher im Einklang mit
musikalischen Darbietungen dazu anregen, sich mit Zukunftsfragen auseinander zu
setzen. "Zukunft heute" soll die Herausforderungen und die Faszination der Gestaltung
des Kommenden buchstäblich ins Rampenlicht rücken und erlebbar machen, wohin sich
Mensch und Gesellschaft bewegen. Visionen der Wissenschaft werden dabei mit
Perspektiven der Kunst verbunden.
An einem Sonntagvormittag, am 29. August, werden der Intendant der Semperoper,
Prof. Gerd Uecker, der Dresdner Zellbiologe Prof. Kai Simons, der Münchener Physiker Prof. Hermann Gaub, der Frankfurter
Hirnforscher Prof. Wolf Singer und Opernregisseur Sebastian Baumgarten aufeinander treffen und aus ihrer Sicht Zukunftsbilder
schildern. Themen der kurzen Vorträge sind unter anderem "Grenzen der Wahrnehmung" oder "Molekulare Baukästen", denen Pianist
Michael Lüdicke am Flügel Stücke von Arnold Schönberg und Alexander Mossolow gegenüberstellen wird. Gelegenheit, mit
Wissenschaftlern und Künstlern ins Gespräch zu kommen, gibt es im Anschluss bei einer Podiumsdiskussion ebenso wie auf den
Gängen der Oper.
Die Auftaktveranstaltung der Reihe "Zukunft heute" ist ein Gemeinschaftsprojekt der Sächsischen Staatsoper mit dem Dresdner
Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik, der Stiftung Deutsches Hygiene-Museum Dresden, der Technischen
Universität Dresden und der Sächsischen Zeitung. (SZ/fi)
Karten für die Veranstaltung am 29. August, 10-13 Uhr, sind an der Opernkasse auf dem Dresdner Theaterplatz oder per Internet
(www.semperoper.de) für 2,50 Euro erhältlich.